Evaluation der Danke-Aktion der Sittenstrolche


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  1. Erfahrungen und Tipps

    - Der Zeitaufwand für eine angeleitete Selbstevaluation ist hoch, aber er lohnt sich (siehe unten "Nutzen").
    - Die Diskussionsprozesse waren zum Teil anstrengend, langwierig und zäh (vor allem bei der ZiWi Methode). Es konnte nicht immer eine gemeinsame Sprache gefunden werden. Zum Teil gab es auch Unsicherheiten, die neu erlernten Methoden der Qualitätssicherung und Evaluation gleich anzuwenden. Fazit: Eine externe Moderation und wissenschaftliche Begleitung ist wünschenswert; diese sollte sich bemühen, nicht zu abgehoben zu sprechen und auf die Fragen und Bedarfe der Praktiker angemessen einzugehen.
    - Nicht alle Sittenstrolche konnten an den Beratungssitzungen teilnehmen und "ins Boot geholt" werden; es gab auch Widerstände gegen die (Selbst-) Evaluation. Fazit: Kooperationspartner sollten so früh und umfassend wie möglich in Qualitätsentwicklungsprozesse einbezogen werden.
    - Die Gästebefragung hat gezeigt, wie groß die Bereitschaft der Zielgruppe ist, an einer Befragung teilzunehmen. Es gab nur wenige Verweigerungen. Fazit: Forschung ist möglich.
    - "Laufzettel:" Es war zum Teil schwierig für die drei bis vier Sittenstrolche, die gemeinsam eine Danke-Aktion durchgeführt haben, sich auf eine einheitliche Bewertung der Aktion zu einigen. Fazit: Der Laufzettel muss so umgestaltet werden, dass mehrere, auch unterschiedliche Meinungen abgebildet werden können.

  2. Autor/innen

    Christopher Knoll
    Guido Vael
    Sebastian Haferkorn

  3. Wissenschaftliche Begleitung

    Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB); Forschungsgruppe Public Health, Berlin www.wzb.eu

  4. Präventionsmaßnahme, die qualitätsgesichert wurde

    Die Qualitätsentwicklung bestand aus einer Selbstevaluation der Danke-Aktion, einer HIV Präventionsaktion der Sittenstrolche.  Die Sittenstrolche sind ein Kooperationsprojekt der Münchner Aids-Hilfe und dem Sub e.V.. Als ehrenamtliche Präventions-Aktions-Truppe von und für schwule Männer gibt es sie über 10 Jahre. Die Sittenstrolche machen HIV Prävention in der schwulen Szene Münchens, u.a. mit Show-Einlagen, Bauchladen-Aktionen und Infomaterial (Zielgruppe sind also schwule Männer in München). Die Danke-Aktion wurde konzipiert, um schwulen Männern, die Kondome benutzen, ein Gefühl der Wertschätzung zu vermitteln und sie in ihrem Safer Sex Verhalten zu bestärken. Männer, die keine Kondome verwenden, sollen einen Anreiz bekommen, ihr Safer Sex Verhalten zu überdenken. Durchführung: Bei der Danke Aktion gehen drei bis vier Sittenstrolche gemeinsam in schwule Szenetreffpunkte. Die Gäste werden einzeln angesprochen und gefragt: "Hast Du ein Kondom dabei?" Lautet die Antwort "Ja", bekommt der Gast ein Geschenk [siehe Material], lautet sie "Nein" bekommt der Gast ein Kondom. Zusätzlich gibt es für alle eine Postkarte [siehe Material], die bei der Aktion verteilt wird.

    Postkarte Danke für Safer Sex

     

  5. Zielsetzung der Qualitätssicherung

    Ziel der Qualitätsentwicklung war die Evaluation der Danke-Aktion der Sittenstrolche.

  6. Worin bestand der Nutzen der Qualitätssicherung?

    Bestärkung der Sittenstrolche: Die Selbstevaluation, insbesondere die Gästebefragung, haben gezeigt, wie groß die Akzeptanz der Danke-Aktion und der Sittenstrolche bei unserer Zielgruppe ist. Die Ziele der Aktion wurden weitgehend erreicht. Das gibt Motivation.
    - Die Selbstevaluation gab immer wieder ein Anlass zur Selbstreflexion: Sie hat Sinnfragen aufgeworfen und deutlich gemacht, wie wichtig der Spaßfaktor für die Sittenstrolche ist, auch als Indikator für das Gelingen der Präventionsarbeit.
    - Bessere Dokumentation, bessere Planung: Die Rückmeldung von der Zielgruppe und der Laufzettel helfen uns dabei, unsere Aktionen auszuwerten und zukünftige Aktionen noch besser zu planen (wo machen wir wann welche Aktionen, Zusammensetzung der Gruppe, etc). Der "Laufzettel" wird in Zukunft beibehalten. Eine Gästebefragung wird bei Bedarf wiederholt.
    - Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Im Zuge der Beratung durch das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und der Entwicklung und Anwendung von Methoden der (Selbst-) Evaluation konnten sich die Mitarbeiter/-innen in Bezug auf Qualitätssicherung und Evaluation fortbilden und Methoden aneignen, die auch auf andere Projekte übertragbar sind.

    Die Qualitätssicherung hat Nutzen gebracht für

    • die eigene professionelle Entwicklung
    • die praktische Präventionsarbeit
  7. Methodisches Vorgehen

    1. Klärung der Ziele und Wirkungswege der Danke-Aktion
    2. Blitzbefragung der Gäste
    3. "Laufzettel" - Fragebogen zur Selbsteinschätzung
    4. Auswertung

    zu 1 Klärung der Ziele und Wirkungswege der Danke-Aktion
    Mit der ZiWi-Methode wurden die Ziele und Wirkungswege von Sittenstrolch-Aktionen allgemein und der Danke-Aktion im Besonderen geklärt. Für eine vollständige Ausarbeitung und Verschriftlichung des ZiWi-Modells blieb keine Zeit, da wir die Danke-Aktion beginnen und ein Evaluationsdesign entwickelt mussten.
    Für eine Zielüberprüfung haben wir folgende Ziele und Meilensteine ausgesucht:
    a) Sittenstrolche kommen durch die Danke-Aktion mit den Gästen ins Gespräch
    b) Die Aktion wird nicht als Störung wahrgenommen
    c) Männer, die ein Kondom bei sich tragen und ein Geschenk bekommen, fühlen sich durch die Aktion wert geschätzt (und nicht bevormundet)
    d) Die Teilnehmer fühlen sich durch die Aktion bestärkt, Safer Sex zu praktizieren

    zu 2 Blitzbefragung der Gäste
    Die Gäste wurden mit einem kurzen Fragebogen zur Aktion befragt. Die Blitzbefragung umfasst fünf Fragen zu folgenden Themen: Geschenk oder Kondom bekommen; Freude über das Geschenk/Kondom; Bewertung der Aktion; Bestärkung im eigenen Safer Sex Verhalten; Einschätzung, ob die Aktion einen günstigen Einfluss auf das Safer Sex-Verhalten anderer schwuler Männer hat.
    Durchführung: Die Sittenstrolche verteilten während der Danke-Aktion Fragebögen und Bleistifte. Diese wurden im Anschluss an die Danke-Aktion von einem Sittenstrolch wieder eingesammelt, der nicht direkt an der Danke-Aktion (Geschenk/Kondomausgabe) beteiligt war. Die Befragung wurde an drei Abenden in 18 Lokalen in München durchgeführt (Zeitraum: Februar- April 2007).

    zu 3 "Laufzettel" - Fragebogen zur Selbsteinschätzung
    Die Sittenstrolche haben gleich im Anschluss an die Danke-Aktion nach jedem Lokal einen Fragebogen ausgefüllt, der als "Laufzettel" eine erweiterte Version ihrer bisherigen Dokumentation darstellt. Dieser "Laufzettel" beinhaltet Fragen zu Ort und Anzahl der Gäste, zum Spaß-Faktor, Sinn der Aktion, Publikum, Widerstände, positive Reaktionen, Anzahl der Gespräche, Beobachtungen und Einschätzungen, was sich bewährt hat und was verändert werden muss. Der Laufzettel wurde von den Sittenstrolchen an drei Abenden ausgefüllt und probeweise auch in anderen Aktionen angewendet.

    zu 4 Auswertung
    Die Fragebögen der Gästebefragung wurden mit einer Nummer, Datum und einem Kennzeichen für das jeweilige Lokal versehen. Die Daten wurden anschließend in ein Statistikprogramm (SPSS) eingegeben und ausgewertet. Die "freien" Antworten der Gäste (auf die halboffene Frage 3 sowie Bemerkungen zu Fragen 4 & 5) wurden in ein Word-Dokument eingegeben, ausgedruckt, und in einer Teamsitzung gemeinsam ausgewertet (in Gruppen sortiert, mit Überschriften versehen und interpretiert). Fotos der Auswertungssitzung können hier eingesehen werden. Die Eintragungen auf den "Laufzetteln" wurden in ein Word-Dokument übertragen und von den Sittenstrolchen in einer ihrer Team Sitzungen gemeinsam ausgewertet.

    Welche Methode(n) dieser Plattform wurden angewandt?

    • Blitzbefragung
  8. Ergebnisse der Qualitätssicherung

    Die Gästebefragung hat gezeigt, dass die Aktion sehr positiv aufgenommen wurde. Insgesamt haben 215 Männer an der Gästebefragung teilgenommen - das sind drei Viertel aller Männer, die in den Lokalen anwesend waren (es wurden alle Gäste angesprochen, die anwesend waren). Von den 215 Männern haben sich 87% über das Geschenk/Kondom gefreut (ca 35% hatten ein Kondom dabei und haben ein Geschenk bekommen). Auf die Frage "Wie fandest Du die Aktion?" haben 65% "sinnvoll" angekreuzt, 41% "lustig" und nur jeweils 1 bis 2% fanden sie "langweilig" oder "überflüssig" (Mehrfachantworten waren möglich). "Störend" wurde von niemandem angekreuzt.
    Die Mehrzahl der Teilnehmer (69%) gab an, dass die Aktion sie darin bestärkt, Safer Sex zu praktizieren. Eine etwas kleinere Mehrheit (53%) geht auch davon aus, dass die Aktion einen günstigen Einfluss auf das Safer-Sex-Verhalten (anderer) schwuler Männer hat. Zu dieser Frage gab es allerdings viele "freie" Anmerkungen wie "bleibt zu hoffen", "hoffentlich", "ich hoffe sehr," die wir so interpretiert haben, dass im Hinblick auf das Verhalten anderer Männer in der schwulen Szene sowohl Zweifel als auch Hoffnung bestehen.
    Die Auswertung der Laufzettel hat gezeigt, dass die Sittenstrolche durch die Danke-Aktion häufiger mit Gästen ins Gespräch kamen als bei den üblichen Bauchladen-Aktionen. Außerdem wurde klar, wie wichtig der "Spaß-Faktor" für die Durchführung von Aktionen ist, und wie stark dieser mit der Einschätzung zusammenhängt, inwiefern die Aktion in dem jeweiligen Lokal Sinn macht.
    Überraschend waren für uns folgende Ergebnisse:
    - Die hohe Bereitschaft der Gäste, an der Befragung teilzunehmen. Wir hatten im Vorfeld Zweifel, ob solch eine Befragung überhaupt machbar ist und waren überrascht, wie bereitwillig die Gäste an der Kurzbefragung teilgenommen haben;
    - Die positive Resonanz auf die Aktion. Im Vorfeld gab es teilweise die Skepsis im Team, ob die Danke-Aktion nicht vielleicht als Bevormundung wahrgenommen werden könnte. Es haben nicht alle Gäste der Lokale an der Aktion teilgenommen, aber die, die dazu bereit waren (76%), haben uns ein klares Feedback gegeben, dass sie sich über die Geschenke und Kondome gefreut haben und die Aktion gut fanden.
    Für eine ausführlichere Darstellung der Ergebnisse der Befragungen siehe Auswertung Danke Aktion.


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